Chronik

1568 Der Mathematiker, Astrologe, Philosoph und Arzt Hieronymus Cardanus (h, 1501 bis 1576, Italien) interessiert sich vor allem für Sinnesorgane und ihre Funktionen, wodurch er auch auf die Taubstummheit kommt. Unter Bezugnahme auf den Bildungsversuch von Rudolf Agricola (1442 - 1485) an einem Taubstummen stellt Hieronymus Cardanus die Bildungsfähigkeit der Taubstummen außer Zweifel und legt dar, dass man die Taubstummen auch ohne Stimmsprache lesen und denken lehren kann. Solche Schriften sind in der Bibliothek für Hör- und Sprachgeschädigtenwesen in Leipzig (früher: Deutsches Museum für Taubstummenbildung) vorhanden und gehören zu frühen Werken der Gehörlosenpädagogik.

1704  Wilhelm Kerger (h, Liegnitz) berichtet  Prof. Ettmüller (h) in Leipzig über den erfolgreichen Unterricht mit seiner taubstummen Schwester im Sprechen.

1778  Samuel Heinicke (h, 1727-1790) eröffnet  im Auftrag mit Förderung von Kurfürst Friedrich August III. von Sachsen (h) am14. April im Gasthof "Zum Helm" das "Chursächsische Institut für Stumme und andere mit Sprachgebrechen behaftete Personen". Das  ist die  erste staatliche Taubstummenanstalt der Welt.

1790  Tod Samuel Heinickes. Mit großen Existenzschwierigkeiten führt seine Frau Elisabeth Heinicke (h) die Gehörlosenschule 25 Jahre lang alleine weiter, danach weitere 14 Jahre mit Carl Gottlob Reiche, der ihr als Mitdirektor zur Seite steht.  Dauernde staatliche Finanzierung für die Schulen gibt es noch nicht. Sie bittet stets beim Kurfürst u.a. um Finanzierung der Kost und Logis für taube Schüler und die Entlohnung der Lehrer.

1800  besucht Johann Wolfgang von Goethe die Schule.

1815  Luise Carl vermacht nach ihrem Tod 40.000 Taler der Taubstummenanstalt.

1822  Erster Gottesdienst für Gehörlose. Seitdem halten jeden zweiten Sonntag abwechselnd Carl Wilhelm Teuscher (gl) und sein Lehrer und Direktor Carl Gottlob Reich (h) den Gottesdienst in Gebärdensprache ab.

1823 Carl Wilhelm Teuscher (gl, 1803-1835), ein ehemaliger Schüler von C. G.Reich (h), ist Lehrer an der Taubstummenanstalt zu Leipzig. Er schätzt zwar die Gebärdensprache, erkennt sie aber noch nicht als Voraussetzung erfolgreicher Gehörlosenbildung. Deshalb ist für ihn die Lautsprache die bevorzugte Kommunikationsform (oral und schriftlich). 1828 schreibt Teuscher  einen Aufsatz "Bemerkungen über meines Denkens Form" und erstellt ein handgeschriebenes Übungsbuch für den deutschen Grammatikunterricht. Er stirbt im Alter von 32 Jahren.

1835  Sein Bruder Carl Arnold Teuscher (gl, 1815-1864) ist ebenfalls Lehrer an der Taubstummenanstalt.

1848/1849  Gründung zweier Taubstummenvereine, die sich jedoch nur kurze Zeit halten.

1853 Tod des gehörlosen Künstlers Wilhelm Gottfried Bauer. Drei Gemälden sind im Museum der bildenden Künste in Leipzig ausgestellt.

1863  Tod der Förderin der Taubstummenanstalt Gräfin Kielmannsegge (h) zu Leipzig. Von 1809-1821 hält sie Freundschaft
mit dem Franzosen Napoleon I. (h). Sie pflegt einen fürsorgerischen Kontakt zu nichthörenden Kindern und schreibt davon in ihren Memoiren.

1864  Gründung des Allgemeinen Taubstummenvereins zu Leipzig e.V. (nach London, Paris, Berlin (2x) der 5. Gehörlosenverein der Welt. Einer der 13 gehörlosen Gründer ist der Taubstummenlehrer Max Löwe. Dieser wird zum 1. Vorsitzenden gewählt (1804-1873(?)).

Der Lokalverein der Taubstummen Leipzig, später "Palme" genannt, wird im selben Jahr aus der Taufe gehoben. Er löst sich nach 10 Jahren wieder auf. Der Allgemeine Taubstummenverein Leipzig dagegen bleibt bis zum Ende des 2. Weltkrieges (1945) bestehen.

1869  Carl Max Löwe (1834-1893) veröffentlicht die Biographie über Samuel Heinicke. Er lehrt an der Leipziger Taubstummenanstalt, beschäftigt sich weiterhin als Maler.  Außerdem verfasst er  für seine Schule eine "Chronik" und  handschriftliche Unterrichtsmaterialien.

1878  Der Allgemeine Taubstummenverein Leipzig ist der Organisator des 4. Deutschen Taubstummenkongresses in Leipzig.

1880  Mailänder Beschluss, der die Gebärdensprache aus dem Taubstummen-Unterricht verbannen will. Die Schule unter Direktor Dr. Eichler (1841 - 1896!) hält anscheinend nichts davon und lässt die Gebärdensprache weiterhin gewähren.

1885  Tod des Lehrers Ferdinand Rasch (gl),*1831, 1838-1864 war er ein Schüler Samuel Heinickes, ab 1864 bis zu seinem Tod war er als Lehrer im "Cursächsischen Institut für Stumme und andere mit Sprachgebrechen behaftete Personen" tätig, von 1879-1881 war er der 1. Vorsitzender des Allg. Taubstummenverein Leipzig

1889  Das Vereinsvermögen des Allgemeinen Taubstummenvereins zu Leipzig weist einen Bestand von nahezu 20 000 Mark auf. Die Vereinsliste   führt   derzeit   193   Mitglieder, 11 Ehrenmitglieder (darunter Direktor Dr. Eichler) und 4 außerordentliche Mitglieder an.

1894  In Augsburg wird der Bund  Deutscher Taubstummenlehrer gegründet und beschlossen, das "Museum für Taubstummenbildung" in der Leipziger Schule aufzubauen. Sie ist die größte Bibliothek für Gehörlosenbildung in Deutschland und umfasst heute etwa 47 000 Titel. Außerdem eine Kunstsammlung von 262 Werken gehörloser Künstler.

1900  Gründung des Sächsischen Taubstummen-Bundes e.V., 1. Vorsitzender Robert Sandig/Leipzig, Ehrenvorsitzender Pastor Gocht.

Elisabeth Spindler gründet den Taubstummen-Frauenverein zu Leipzig und war 25 Jahre lang dessen Vorsitzende.

1902  Gründung der Deutschen Taubstummen-Korrespondez / später "Die Stimme" (Verlag von Hugo Dude (gl)).

1904  gründet Erwin Spindler den Taubstummen-Sportclub "Lipsia" zu Leipzig.

1905/06  Kunstausstellung des Leipziger Künstlers Walter Syrutschöck (gl) in Berlin, München und später in Paris; bekannte Gemälde "Eintreffen des Königs von Sachsen und seiner Eskorte  auf dem Schlachtfelde Leipzig 14. Oktober 1813", "Ankunft Samuel Heinicke in Leipzig". Besonders umstritten sind seine mutigen Karikaturen über Gehörlosenpädagogik in der Korrespondenz.

1907  Gründung des Taubstummen-Turn- und Sportvereins zu Leipzig - der aus dem Taubstummen-Sportclub "Lipsia" hervorgeht - Vorsitzender und Turnwart Albert Winkler

1910  Gründung des "Verbandes Deutscher Taubstummen-Turn- und Sportvereine" (Vorläufer des Deutschen Gehörlosen-Sportverbandes e.V.),  Vorsitzender Hermann Haubold (Köln).

1911  In Hamburg wird der Arbeiterausschuss für das Wohl der deutschen Taubstummen e.V. gegründet, Sachsen ist auch Mitglied.

1913  Aufbau  eines Heimes für Taubstumme durch den Sächsischen Taubstummen-Verband, ermöglicht wurde es durch eine Spende des tauben Kommerzienrates
Friedrich Falk. Heute ist es das Heim für Taubblinde in Zwickau. Eingeweiht wurde es vom langjährigen Seelsorger der Zwickauer Gehörlosen, Pastor Hermann Gocht. Seine Predigten hielt er in Gebärdensprache, war Ehrenvorsitzender des Sächsischen Taubstummen-Bundes.

Das 12. Deutsche Turnfest in Leipzig und die Turnvereinigung taubstummer Turner

1915  Eröffnung des jetzigen Gebäudes der Gehörlosenschule Leipzig im Beisein des Königs von Sachsen und weiterer Persönlichkeiten Sachsens und des Deutschen Reiches.

1920  Reinhold Burckhardt (h) hält als erster Gehörlosenpfarrer in Leipzig die Gottesdienste in Gebärdensprache ab.

1926  Tod des Künstlers Erwin Spindler (*1860). Er studierte fünf Jahre an den Kunstakademien Dresden und München und beschäftigte sich vorwiegend mit der Landschaftsmalerei.

1927 Gründung der Beratungsstelle für Taubstumme des Sächsischen Taubstummen-Bundesverbandes in Regede bei Weimar.

1931   Tod von Albin Maria Watzulik, einer der tauben Verfechter der Gebärdensprache. In Sachsen gibt es zur Zeit 2847 Taubstumme und Ertaubte.

1933  In der Delegierten-Versammlung des Reichsverbandes der Gehörlosen wird die Gleichschaltung aller Gehörlosenvereine durch die Nationalsozialisten beschlossen. Davon werden 6 Vereine zu Leipzig betroffen. Führende Köpfe unter Gehörlosen befürworten das Erbgesundheitsgesetz und sogar die freiwillige Sterilisation.

1941  Die Gehörlosenschule wird im Zuge des 2. Weltkrieges zum Lazarett. Die Schüler kommen in die Volksschule Hinrichstraße und  die Berufsschule Probstheida, die Internatsschüler bekommen Quartier bei den "Pflegeeltern".

1943  Tod des Taubstummenlehrers Dr. Paul Schumann (h, *1870), Direktor und Archivar. Er schreibt und sammelt Bücher und Schriften u. a. über Gehörlosen-Bildung. Aufgrund der Nutzung der Schule als Lazarett lagert er während des 2. Weltkrieges  historisch wertvolle Bücher und Schriften in den Keller der Schule aus.

Durch einen Bombenangriff wird das "Gehörlosen-Museum" fast vollständig vernichtet, 99% der ungefähr 33.000 Titel gehen verloren. Nur 350 alte Schriften, Bücher, Bilder u. a., die im Kellerraum lagern, werden gerettet. Nach dem Krieg konnte das "Museum" dank vieler Spenden wieder ein-gerichtet und nach und nach erweitert werden. Dabei wird erneut alles katalogisiert.

1945  Leipzig wird von den Amerikanern erobert. Einige Monate später ziehen sie entsprechend den Abkommen der Alliierten ab. Die Sowjetrussen folgen ihnen.

1949  Die sowjetische Besatzungszone wird zur Deutschen Demokratischen Republik und Leipzig zur zweitgrößten Stadt der DDR.

1951   Gründung der "Arbeitsgemeinschaft der Gehörlosen-Sportgruppen in der DDR", Vorsitzender Walter Wollny.

Gründung der Gehörlosen-Berufsschule zu Leipzig für die ganze DDR.

1957  Mitglieder verschiedener Städte und verschiedener Sportabteilungen sind die Gründer des Allgemeinen Deutschen Gehörlosenverbandes (ADGV), später Gehörlosen- und Schwerhörigen-Verband (GSV), auf dem DDR-Gebiet. In schneller Folge entwickeln sich Kreis- und Bezirksorganisationen. So auch in Leipzig. 

Gründung des Deaf-Foto- und Filmclub Leipzig (jetzt Deaf-Medien-Verein Leipzig). Erster Berichtsfilm über die Gründung der ADGV-KO Leipzig im selben Jahr.

Die ersten erfolgreichen Testversuche zur Zulassung der Gehörlosen als Kraftfahrer im öffentlichen Straßenverkehr der DDR (Berlin und Leipzig).

1963  Das gedruckte Liederbuch von Walter Werner (h) wird auf Anweisung des Kulturministeriums der DDR wegen Foto-Grafiken von Volkmar Jaeger (gl) zurückgezogen. Seine künstlerische fotografische Arbeit wird aus kulturpolitischen Gründen abgelehnt.

1965  Pfarrer Burckhardt führt seinen Nachfolger Heinz Weithaas ins Amt ein.

Gründung des Gehörlosen-Motorsportclubs Einheit Leipzig, der 1. Vorsitzende Erhard Kästner.

1966  Eröffnung des Kommunikations- und Kulturzentrums "Samuel Heinicke".

1970  Erstmalig nehmen Leipziger Gehör-lose an der DDR-Meisterschaft Hörender im Automobilturniersport teil.

1983  Gehörlose Motorsportler aus Leipzig sind erstmals DDR-Meister unter Hörenden geworden und wiederholen das jedes Jahr bis 1989. Die erfolgreichsten sind Klaus Lenschow, Dietmar Meißner, Bernd Steinbach und Günter Peretzki.

1984  Tod des Künstlers Walter Weithaas (gl,*1895). Er besuchte die Leipziger Kunstakademie. Die Bibliothek verfügt über
30 seiner Bilder. Pfarrer Heinz Weithaas (h) ist sein Sohn.

1986 bzw. 1988  1. und 2. Internationales Magiefestival der Hörgeschädigten, der Ausrichter ist Horst Bormann(gl).

1989  Auch die Gehörlosen gehen montags in die Nikolaikirche. Der Pfarrer Heinz Weithaas (h) übersetzt das Friedensgebet
in Gebärdensprache. Anschließend demonstrieren jedes mal etwa 30 Gehörlose mit Hörenden gegen die Regierung der DDR.

1990  Die Leitung der GSV-Bezirksorganisation Leipzig tritt zurück. Die Initiative der Gehörlosen Leipzigs gründet den
1. LGV "1864" e.V. wieder, setzt damit die Tradition des Allgemeinen Taubstummenvereins zu Leipzig fort. Pfarrer Weithaas
hat bei der Vorstandswahl die Stimmenmehrheit erhalten, verzichtet aber als Vorsitzender zugunsten Volkmar Jaeger (gl), da Heinz Weithaas der Auffassung ist, dass ein Gehörloser den Vorsitz führen muss.

Beim 3. Internationalen Magiefestival der Hörgeschädigten kommen erstmals die Zauberkünstler aus Ost und West zusammen. Und auch Künstler aus den USA zeigen ihr Können. Die Organisation liegt zum ersten Male allein in den Händen der Nichthörenden unter der Leitung Horst Bormanns.

1991  1. Festival gehörloser Kunstfreunde Deutschlands,  Ausrichter ist  Volkmar Jaeger.

1992  Die neue Beratungsstelle des 1. LGV "1864" e.V. wird eröffnet.

1.Video-Festival der Gehörlosen Deutschlands, der Ausrichter ist  Volkmar Jaeger.

1993  Beim 1. Deutschen Kulturtag der Gehörlosen in Hamburg erhält Heinz Weithaas (h) den Kulturpreis des Deutschen Gehörlosen- Bundes.

1994  Im sächsischen Landtag wird das Gebärdensprach-Problem behandelt. Er hat als erstes deutsches Landesparlament die Gebärdensprache befürwortet und die sächsische Staatsregierung beauftragt, sich im Bundesrat für die Annahme des Entschließungsantrages des europäischen Parlamentes zur Zeichensprache für Gehörlose vom 17. Juli 1988 einzusetzen. Dieses Ergebnis ist der erste Schritt auf dem Weg zur bundesweiten Anerkennung der Gebärdensprache als vollwertige Sprache.

Beim 5. Internationalen Magiefestival der Hörgeschädigten treten taube Zauberkünstler aus 12 Ländern auf. Der Ausrichter ist Horst Bormann.

1995  1. Seminar der Interessengemeinschaft zur Förderung der Kultur Gehörloser (IFKG) in Höfgen bei Leipzig, der Ausrichter ist Thomas Zander (gl, Berlin).

1996  2. Bundestreffen der Kofos der Gehör-losen Deutschlands in Naunhof bei Leipzig, die Ausrichterin ist Katharina Linne (gl).

1. Deaf-History-Treffen Deutschlands in Leipzig und Herausgabe des 1. History-Faltblattes, der Ausrichter ist Jochen Muhs (gl, Berlin).

Gründung des 1. Gl.-Kindergarten

(23.11.96) Gründung des Stadtverbandes der Hörgeschädigten Leipzig e.V. Er baut auf der Tradition des im Jahre 1922 gegründeten "Taubstummenrates zu Leipzig" auf, betrachtet sich als dessen Nachfolger. Mitglieder im Stadtverband sind 9 Interessenvereine.

1997  2. Kulturtage der Gehörlosen in Dresden, Regie führte der DGB unter Mitwirkung des LVG Sachsen.

1998 Die 1. Neuen Medien (vorher Internet-Vision) in Leipzig, organisiert vom Deaf-Medien-Verein Leipzig "1957"und dem Stadtverband Leipzig.

1999/00/01  Die 2. Neuen Medien in Leipzig, organisiert vom Deaf-Medien-Verein Leipzig "1957" und dem Stadtverband Leipzig.

2002  (14.03.) Gründung des Vereins zur Förderung der Chancengleichheit Hörgeschädigter Leipzig e.V. Seine Aufgabe besteht darin, dass das Projekt "das neue Kulturzentrum der Hörgeschädigten Leipzig" verwirklicht wird.